Sind Nahrungsergänzungsmittel während einer Krebsbehandlung sinnvoll?

Nahrungsergänzungsmittel in Form von Säften oder in Tablettenform sollen einen Nährstoffmangel vorbeugen und gegebenenfalls ausgleichen. Gerade bei Krebspatienten stellt sich die Frage, ob die Einnahme solcher Präparate den Heilungsprozess unterstützen kann oder womöglich Risiken birgt. Eine allgemeine Empfehlung gibt es hierzu nicht.

Diplom Trophologin Uta Fernkäse aus Jena und langjährige Expertin in der onkologischen Ernährungsberatung gibt dazu wichtige Hinweise.

Nahrungsergänzungsmittel können Mangelerscheinungen ausgleichen. Wie macht sich ein solcher Zustand überhaupt bemerkbar?

Zunächst einmal muss man zwischen den sogenannten Makro- und Mikronährstoffen unterscheiden. Makronährstoffe sind unsere Energielieferanten, also Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate. Wird die Aufnahme beinträchtigt, beispielsweise durch Erbrechen, Übelkeit oder Appetitlosigkeit aufgrund von Tumorerkrankungen im Verdauungstrakt oder Chemotherapie, kann ein Mangel an diesen Nährstoffen entstehen. Dies führt zum Abbau von Muskelmasse und  Gewichtsverlust. Die Patienten verlieren nicht nur Körpersubstanz sondern damit auch Energie und Kraft.

Mikronährstoffe sind Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Diese benötigt der Organismus für die physiologischen Vorgänge. Ein Mangel bedeutet hier nicht gleich einen Verlust von Körpersubstanz, sondern kann zu verschiedenen Beeinträchtigungen führen. Eisenmangel beispielsweise verursacht Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, rissige und trockene Haut.

Kann ein in Apotheken oder Drogeriemärkten frei verkäufliches Nahrungsergänzungsmittel dem vorbeugen?

Das Problem hierbei ist, dass für Nahrungsergänzungsmittel im Gegensatz zu Arzneimitteln keinerlei Wirksamkeitsnachweise gefordert werden. Die Dosierung der Inhaltsstoffe ist nicht festgelegt. Nicht nur ein Mangel an Nährstoffen kann dem Körper schaden, auch eine Überdosierung kann negative Folgen haben. Es ist daher ratsam, bei einem Verdacht von Nährstoffmangel eine Blutuntersuchung durchführen zu lassen. Bestätigt sich die Unterversorgung mit einem bestimmten Nährstoff, kann dieser mit ärztlicher Begleitung durch eine gezielte und nicht pauschale Nahrungsergänzung wieder normalisiert werden.

Das Immunsystem ist während einer Krebstherapie geschwächt und leistet Höchstarbeit. Ist in dieser Phase eine Zugabe an Nährstoffen hilfreich, um den Körper zu unterstützen?

Priorität haben zunächst die Makronährstoffe, um Körpersubstanz zu erhalten und dem Abbau vorzubeugen. Bei einer Chemotherapie besteht ein erhöhter Bedarf. Während der normale tägliche Eiweißbedarf bei 0,8 g pro kg Körpergewicht liegt, sind es unter Chemotherapie bis zu 1,5 g pro kg Körpergewicht. Der individuelle Bedarf je nach Behandlungsstadium sollte mit dem zu behandelnden Arzt ermittelt werden, um einen Gewichtsverlust zu vermeiden.

Die pauschale Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen während einer Therapie zur Stärkung des Immunsystems halte ich für sehr kritisch.

Weshalb?

Es ist richtig, dass das Immunsystem besonders gefordert ist und Mikronährstoffe benötigt. Dennoch muss die Balance stimmen. Hier gilt nicht das Motto „Viel hilft viel.“ Im Gegenteil: Vitamine sind Antioxidantien, also Stoffe, die freie Radikale wegfangen. Viele Patienten glauben, so ihre gesunden Zellen vor den Giftstoffen der Chemotherapie besser schützen zu können. Das Problem hierbei ist jedoch, dass Antioxidantien auch auf kranke Zellen wirken. Bei der Chemotherapie entstehen freie Radikale, die die Krebszellen beseitigen sollen. Eine eigenständige Gabe von hochdosierten Vitaminpräparaten kann somit die Therapie beinträchtigen, im schlimmsten Fall unwirksam werden lassen. Außerdem ist fraglich, ob bestimmte Nahrungsergänzungsmittel eine Wechselwirkung mit Wirkstoffen eines begleitenden Medikamentes haben können. Dies könnte in seiner Wirkung abgeschwächt oder erhöht werden.

Fraglich ist zudem auch eine hochdosierte Gabe von fettlöslichen Vitaminen, beispielsweise Vitamin A, D3 und E. Diese werden im Gegensatz zu den wasserlöslichen Vitaminen wie Vitamin C oder B nicht ausgeschieden, sondern gespeichert. Ist die Dosis zu hoch, können toxische Reaktionen auftreten. So reicht bei dem Mineralstoff Selen schon die 10-fache Menge, um eine solche Reaktion zu erzielen, was sich an Haarausfall und brüchigen Nägeln zeigt.

Die verstärkte Einnahme von Sojaprodukten gerade bei Brustkrebspatientinnen ist immer wieder ein kontroverses Thema bei den Ernährungsfragen. Wie stehen Sie dazu?

Studien haben gezeigt, dass Frauen in asiatischen Ländern weniger an Brustkrebs erkranken als Westeuropäerinnen. Man führt dies auf Flavonoide, sogenannte Phytoöstrogene, im Soja zurück. Diesen sekundären Pflanzenstoffen wird eine antiöstrogene Wirkung nachgesagt. Es ist jedoch ein Unterschied, ob gesunde Frauen oder Frauen mit einen Mammakarzinom Soja verzehren. Verschiedene Brustkrebsarten sind in ihrem Wachstum östrogenabhängig. Flavonoide können im Körper sowohl eine östrogene als auch antiöstrogene Wirkung haben. Nach aktueller Studienlage sollten Patientinnen mit einem Mammakarzinom keine Nahrungsergänzungsmittel mit Flavonoiden (Sojapräparate) zu sich nehmen, um das Tumorwachstum nicht anzuregen. Vorsicht ist auch beim Verzehr von Sojaprodukten geboten. 200 ml Sojamilch pro Tag sind ausreichend und sollte nicht überschritten werden.

Kann für Patienten, die ungern Obst und Gemüse essen oder durch die Therapie an Appetitlosigkeit leiden, ein künstlich hergestelltes Nahrungsergänzungsmittel eine Alternative sein?

Wie bereits erwähnt, die zusätzliche Gabe von Nährstoffen sollte immer nach einer gründlichen Untersuchung und Ermittlung des tatsächliches Bedarfs in Absprache mit einem Arzt oder Ernährungsberaters erfolgen. Ein Defizit bei einem bestimmten Nährstoff kann über zusätzliche Gaben in Tablettenform gut ausgeglichen werden. Was im Labor erzeugte Vitamine im Gegensatz zu Obst und Gemüse jedoch nicht beinhalten, sind die sekundären Pflanzenstoffe. Dies sind beispielsweise Farb-, Geruchs,- und Geschmackstoffe, die in allen pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen. Ihre gesundheitsfördernden Wirkungen auf den menschlichen Körper sind sehr vielfältig. Sie können zum Beispiel blutdruck -und cholesterinsenkend arbeiten oder antioxidativ wirken. Für Patienten, die aufgrund der Therapie kein frisches Obst und Gemüse essen können oder wollen, empfehle ich spezielle Pflanzensäfte, beispielsweise aus dem Reformhaus. Diese enthalten nicht nur Vitamine und Mineralstoffe sondern auch die sekundären Pflanzenstoffe. Die Dosierungsanleitung sollte beachtet werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Informationen und Kontakt zur Interviewpartnerin:

Uta Fernkäse ist Diplom Trophologin und zertifizierte Ernährungsberaterin nach TCM. Sie hat viele Jahre in onkologischen Praxen als Ernährungstherapeutin gearbeitet. Seit 2012 hat sie ihre eigene Praxis in Jena und bietet Ernährungsberatungen, Seminare, Vorträge und Workshops an.

Ernährungsberatung Uta Fernkäse
Grete-Unrein-Str. 2
07745 Jena
www.utafernkaese.de

E-Mail: mail(at)utafernkaese.de
Telefon: 0 36 41 - 63 96 990
Mobil: 0 176 - 61 71 95 88

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